Ein Holocaust-Überlebender beschenkt die Schüler

Der Zeitzeuge Dirk Peter Adler kam am 13. Mai 2016 ans Konrad Lorenz Gymnasium und teilte mit den Schülerinnen und Schülern der 7. Klassen seine Geschichte, seine Lebensfreude und Menschenfreundlichkeit, seinen Gerechtigkeitssinn, seinen unglaublichen Charme.

Dirk Adler ist ein Holocaust-Überlebender. Zugleich ist er unendlich viel mehr: Er ist ein seit 55 Jahren verheirateter Ehemann, der seiner ihn begleitenden Frau Judith vor dem gebannt lauschenden Publikum eine Liebeserklärung zum Dahinschmelzen macht. Er ist ein fürsorgender Vater und Großvater, ein erfolgreicher ehemaliger Unternehmer, ein polyglotter, mehr als ein halbes Dutzend Sprachen fließend sprechender Weltenbürger, ein Zeitzeuge, der seit dem Vorjahr im Rahmen des Programms ERINNERN:AT Schülerinnen und Schülern begegnet und mit seiner Geschichte bereichert. Am Anfang in dem kaum fassbaren Leben des 1940 geborenen Dirk Adler stand jedoch das Überleben des Holocaust. Ein solcher Anfang ist nicht bloß ein längst vergangener Abschnitt, sondern das, was alles Kommende erst ermöglicht und im späten Mit-Teilen den Versuch einer Sprache erhält.

„Wir mussten selbst Tulpenzwiebeln essen“ Dirk Adler hieß eigentlich Dirk Peter Moldauer. Er wurde 1940 in eine jüdische Familie in Amsterdam geboren. Seine Mutter Sarah Adler stammte aus Czernowitz, sein Vater, der Pharmaunternehmer und exzellente Schachspieler Nachum Moldauer, aus Polen. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten im Jahr 1940 blieb die Familie zunächst in Amsterdam und unternahm schließlich einen Fluchtversuch in die Schweiz. Die darin involvierte Widerstandsgruppe wurde jedoch verraten, Dirks Eltern, seine Tante und sein Onkel nach Mechelen (Belgien) deportiert und in Auschwitz ermordet. Eine christliche Familie in Amsterdam nahm Dirk Moldauer auf und gab ihn – unter Lebensgefahr – als ihr eigenes Kind aus. „Der Hunger war so groß, dass wir selbst Tulpenzwiebeln aßen. Die Erinnerung daran ist bis heute geblieben“, erzählte Adler den Schülerinnen und Schülern des KLG.

Von Kolumbien nach Israel und Österreich Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er – mit einer Zwischenstation in London – mit einer neuen Pflegefamilie nach Bogotá (Kolumbien), wo er politische Gewaltexzesse und eine Militärdiktatur erlebte und bis zu seinem 16. Lebensjahr blieb. Dann entschied er vor allem aus Abenteuerlust, nach Israel auszuwandern. In dem noch jungen Staat lebte und arbeitete er in einem Kibbuz, leistete Militärdienst, ehe aus familiären Kreisen der Ruf ertönte, eine von den Nazis in Wien zerstörte Firma wiederaufzubauen. So kam Dirk Adler nach Wien. Bis dato sprach er Niederländisch, Spanisch, Englisch und Hebräisch, Deutsch, Französisch und Italienisch kamen noch hinzu.

Von den Bahamas in den Hafen der Ehe Seine Frau Judith lernte er in Düsseldorf kennen, und zwar als Reaktion auf eine „Heiratsannouce, die meine Eltern in jüdischen Zeitungen in ganz Europa schalteten. Dirk erfuhr von dem Inserat, als er sich auf den Bahamas befand, und flog nach Deutschland. Auch wenn er elf Jahre älter ist als ich, wusste ich sofort, dass ich mit ihm mein Leben verbringen möchte“, so seine Frau Judith, die mit ihrer Familie im Zuge des Volksaufstandes von 1956 aus Ungarn floh.

Zwölfjährige rekonstruierte die Familiengeschichte Vielleicht noch ein letztes, unglaublich wirkendes Detail: In Amsterdam fanden die Adlers das Wohnhaus, in dem Dirk bis zum Nazi-Terror ursprünglich lebte. Sie klopften an die Eingangstür, stellten sich vor und erhielten von der anwesenden Frau und ihrer zwölfjährigen Tochter eine handgeschriebene Skizze vom Familienstammbaum der Adlers bzw. Moldauers. Das Mädchen arbeitete die Geschichte der hier Wohnenden, die sie nie zuvor gesehen hatte, im Rahmen eines Schulprojektes auf!

Die Schülerinnen und Schüler waren sichtlich fasziniert von Dirk Adlers Geschichte und Persönlichkeit. Sie stellten viele Fragen und gingen von dieser Begegnung ein Stück weit verändert wieder zurück in den Unterricht.

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